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Prävention von Wohnungslosigkeit braucht politischen Rückenwind

Pressemitteilung
Berlin, 15. Juni 2026

Vierzig Jahre nach Einführung des Fachstellenkonzepts zur Verhinderung von Wohnungslosigkeit ist Prävention aktueller denn je. Steigende Zahlen von Wohnungsnotfällen, ein angespannter Wohnungsmarkt und wachsende soziale Ungleichheit verschärfen das Risiko eines Wohnungsverlustes für immer mehr Menschen. Vor diesem Hintergrund laden die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) und die Diakonie Schleswig-Holstein zur Präventions- und Fachstellentagung „Prävention braucht Rückenwind!" nach Kiel.

Bewährtes Konzept, unzureichende Umsetzung
Bereits 1987 empfahl der Deutsche Städtetag mit dem Fachstellenkonzept ein Organisationsmodell, das Prävention, Beratung und Koordination bündelt. Der Grundgedanke gilt bis heute: Wohnungsverlust zu verhindern ist sozial wie volkswirtschaftlich sinnvoller, als die Folgen von Wohnungslosigkeit aufzufangen. Doch das Ziel bleibt unerreicht: Die Zahl der Menschen in Wohnungsnotfallsituationen steigt, während Kommunen und freie Träger zunehmend unter Druck geraten. Die aktuellen Hochrechnungen der BAG W machen das Ausmaß deutlich: Mindestens 1.029.000 Menschen waren 2024 in Deutschland wohnungslos - Tendenz steigend.

„Der Erhalt der Wohnung ist für die Menschen die beste Lösung, menschlich wie finanziell“, sagt Sabine Bösing, Geschäftsführerin der BAG W. „Vierzig Jahre nach Einführung des Fachstellenkonzepts wissen wir, was wirkt. Was fehlt, ist nicht das fachliche Wissen, sondern der konsequente politische Wille, Prävention flächendeckend zu stärken.“

Politik und Praxis im Dialog
Im Vorfeld der Tagung erklärt Aminata Touré, Ministerin für Soziales, Jugend, Familie, Senioren, Integration und Gleichstellung des Landes Schleswig-Holstein: „Wer seine Wohnung verliert, verliert weit mehr als nur vier Wände und ein Dach über dem Kopf. Er verliert Sicherheit, Stabilität und die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben. Wohnungslosigkeit entsteht nicht plötzlich, sondern ist häufig die Folge sozialer, finanzieller oder gesundheitlicher Belastungen. Gerade Frauen geraten durch Trennung und Gewalt in existenzielle Notlagen. Deshalb sind frühzeitige Beratung und wirksame Prävention so wichtig. Als Land stärken wir seit vielen Jahren die Wohnungslosenberatungsstellen der freien Wohlfahrtsverbände und unterstützen Projekte, die gewaltbetroffenen Frauen bei der Wohnungssuche helfen. Außerdem setzen wir uns nachdrücklich für eine Sozialpolitik ein, die Menschen in schwierigen Lebenslagen verlässlich zur Seite steht", so Touré.

„Unsere Erfahrungen in Schleswig-Holstein zeigen, Prävention in der Wohnungslosenhilfe wirkt“, sagt Heiko Naß, Vorstand Diakonisches Werk Schleswig-Holstein. „In den Städten und Gemeinden, in denen es präventive Angebote gibt, kann in vielen Fällen der Verlust von Wohnraum vermieden werden. Aus Sicht der Diakonie sollten solche Angebote flächendeckend eingeführt und mit bestehenden Beratungsstellen der Wohnungslosenhilfe verknüpft werden. Diese werden von Betroffenen meist als niedrigschwelliger wahr- und besser angenommen. Zudem können so gestaltete Angebote eine längerfristige und nachhaltige Begleitung der von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen sicherstellen, um erneute Mietschulden zu vermeiden. Dabei besteht auch die Möglichkeit, auf die Expertise anderer Beratungsstellen, zum Beispiel der Schuldner-, Lebens- und Sozialberatung, zurückzugreifen.“

Die Tagung greift zentrale Herausforderungen präventiver Arbeit auf: Datenschutzfragen, wirksame Mietschuldenberatung, die Zusammenarbeit mit Vermietenden sowie neue Problemlagen auf angespannten Wohnungsmärkten, etwa Wohnungsnotfälle trotz gesicherten Einkommens. Praxisbeispiele verdeutlichen die Wirksamkeit zentraler Fachstellen und den Bedarf an ihrem flächendeckenden Ausbau in ganz Deutschland.

Zugleich formulieren die Veranstalter*innen konkrete sozialpolitische Forderungen: Eine ordentliche Kündigung soll durch Schonfristzahlung analog zur außerordentlichen Kündigung geheilt werden können, um Wohnungsverluste frühzeitig abzuwenden. Kritisch diskutiert werden außerdem Reformvorhaben im SGB II, die aus Sicht der Fachpraxis das Risiko von Wohnungslosigkeit erhöhen. Hervorgehoben wird dabei auch die Bedeutung regionaler und überregionaler Vernetzung, um erfolgreiche Ansätze zu verankern und Prävention nachhaltig zu stärken.

Eines ist klar: Präventive Wohnungsnotfallhilfe ist unverzichtbar, aber sie braucht mehr politischen Rückhalt, verlässliche Finanzierung und klare Zuständigkeiten. Die Tagung in Kiel setzt mit über 70 Teilnehmenden ein starkes Zeichen dafür.
 



Die Pressemitteilung im PDF-Format finden Sie hier

Bei Fragen wenden Sie sich gerne an:

Marie Gersch
Fachreferentin der BAG Wohnungslosenhilfe e. V.
Tel.: (030) 2 84 45 37-11
E-Mail: mariegersch@bagw.de

 

 
  

 

Über die BAG W

Unter dem Dach der BAG Wohnungslosenhilfe e. V. sind bundesweit Einrichtungen und soziale Dienste der Wohnungslosenhilfe sowie der verantwortlichen und zuständigen Sozialorganisationen im privaten und öffentlichen Bereich versammelt.

Unsere Mitglieder vertreten insgesamt ca. 1.300 Dienste und Einrichtungen, dazu gehören Fachstellen zur Verhinderung von Wohnungsverlusten, ambulante Fachberatungsstellen, Angebote des Betreuten Wohnens, stationäre Einrichtungen, Projekte für junge Erwachsene, spezifische Angebote für wohnungslose Frauen, medizinische Hilfen für Wohnungslose, Betriebe und Projekte zur beruflichen und beschäftigungsbezogenen Qualifizierung und Integration.