Pressemitteilung: Menschen in Wohnungsnot: Jünger, weiblicher, internationaler – und mit Kind

10.09.2020

BAG W-Jahresbericht zur Lebenslage wohnungsloser und von Wohnungslosigkeit bedrohter Menschen

Berlin, 10.09.2020. Zum bevorstehenden „Tag der Wohnungslosen“ stellt die Bundesarbeitsge-meinschaft Wohnungslosenhilfe e. V. (BAG W), der Dachverband der Dienste und Einrichtungen der Wohnungsnotfallhilfen in Deutschland, ihren aktuellsten Jahresbericht zur Lebenslage wohnungsloser und von Wohnungslosigkeit bedrohter Menschen vor.

Jahresbericht zur Lebenslage von Menschen in Wohnungsnot ist wichtiges Instrument

„Unsere jährlichen Jahresberichte zeigen die äußerst prekären Lebenslagen Betroffener sowie die Gründe und Formen von Wohnungslosigkeit und Wohnungsnot. Damit sind die Berichte eine wichtige Grundlage zur Weiterentwicklung der Wohnungsnotfallhilfen, zugleich verdeutlichen sie den Handlungsbedarf, den wir in Politik und Verwaltung sehen“, erklärte Werena Rosenke, Geschäftsführerin der BAG W.

Die Basis der statistischen Auswertung bildet die jährliche Erhebung der Daten von Klientinnen und Klienten aus verbandlichen Diensten und Einrichtungen der Hilfen in Wohnungsnotfällen. Insgesamt 194 Stellen – und damit so viele wie nie zuvor – übermittelten für das aktuellste Berichtsjahr 2018 über 44.000 anonymisierte Falldaten. 55 Variablen umfasst das dem Bericht zugrundeliegende Dokumentationssystem zur Wohnungslosigkeit (DzW). Dieser Datenumfang erlaubt somit nicht nur zuverlässige Aussagen zu soziodemographischen Zusammensetzungen wie Alter, Geschlecht oder Bildungsstand von Hilfesuchenden, sondern auch differenzierte Rückschlüsse auf deren Lebenslagen. Die BAG W kann zudem auf Erhebungsdaten aus den letzten 30 Jahren zurückgreifen. Daher werden viele der Angaben als Zeitreihe ausgewertet, womit sich sowohl der Ist-Zustand für das Berichtsjahr als auch zeitliche Entwicklungen abbilden lassen.

Immer häufiger sind Familienhaushalte betroffen

Werena Rosenke, Geschäftsführerin der BAG W: „Zum einen setzen sich Trends der letzten Jahre fort, zum anderen beobachten wir aber auch neue Entwicklungen, die das Hilfesystem sowie die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung vor neue Herausforderungen stellen.“

So mehrten sich in den letzten Jahren Rückmeldungen von Mitarbeitenden des freiverbandlichen Hilfesystems, die darauf hinwiesen, dass zunehmend Haushalte mit minderjährigen Kindern Hilfe in den Einrichtungen und Diensten der Wohnungslosenhilfe suchten. Wohnungslose Familien werden vornehmlich von den Kommunen ordnungsrechtlich untergebracht, aber auch im freiverbandlichen Hilfesystem wächst ihr prozentualer Anteil. Im Berichtsjahr 2018 lebten 21 % der weiblichen und 4 % der männlichen Hilfesuchenden in Haushalten mit minderjährigen Kindern. Fast die Hälfte der Hilfesuchenden in Haushalten mit minderjährigen Kindern (46 %) sind alleinerziehende Frauen.

Auffällig ist, dass Haushalte mit Kindern häufiger erstmalig wohnungslos sind als Haushalte ohne Kinder (71 % ggü. 48 %). Dies ist ein Indiz dafür, dass Familienwohnungslosigkeit zunimmt. Dabei ist die Unterkunftssituation wohnungsloser Familien alarmierend: Ein großer Teil dieser Familien (knapp 60 %) lebt bei Familienangehörigen, Partnern und Bekannten in prekären Mitwohnverhältnissen, 9 % sind in Notunterkünften bzw. Übernachtungsstellen untergebracht und 11 % sind gänzlich ohne Obdach auf der Straße.

Anteil der Klientinnen und Klienten ohne deutschen Pass hat sich verdoppelt

Der Anteil der Hilfesuchenden ohne deutsche Staatsbürgerschaft in den Einrichtungen der freien Träger der Wohnungslosenhilfe hat sich zwischen 2010 und 2018 mehr als verdoppelt und liegt inzwischen bei 30 %. Mitarbeitende niedrigschwelliger Einrichtungen freier Träger schätzen den Anteil der nicht-deutschen Betroffenen z. T. auf 50 % und mehr.

Frauenanteil steigt, Zahl der Jüngeren nimmt zu

Dem aktuellen BAG W-Jahresbericht ist zu entnehmen, dass knapp 27 % der von Wohnungslosigkeit oder Wohnungsnot betroffenen Hilfesuchenden weiblich ist. Damit hat sich der Frauenanteil in den letzten 20 Jahren nahezu verdoppelt. Frauen suchen die Hilfen im Wohnungsnotfall oft frühzeitiger auf als Männer: 19 % der hilfesuchenden Frauen sind unmittelbar von Wohnungslosigkeit bedroht oder leben in unzumutbaren Wohnverhältnisse (bei den Männern sind dies 12 %), 61 % der Frauen (77 % der Männer) sind akut wohnungslos, wenn sie im Hilfesystem ankommen.

Beim Alter der Hilfesuchenden setzte sich ein bereits in den Vorjahren beobachteter Trend fort: Die vormals größte Gruppe der 40-49-Jährigen wurde nun durch die Gruppe der 30-39-Jährigen abgelöst. Auch hier gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede. Frauen im Hilfesystem sind durchschnittlich jünger als Männer: 21 % der Frauen sind unter 25 Jahre alt, während nur 17 % der männlichen Betroffenen dieser Altersgruppe angehören.

Gründe für einen Wohnungsverlust

In den letzten Jahren haben sich die Gründe für einen Wohnungsverlust kaum verändert. In der Hälfte der dokumentierten Fälle haben die Menschen die Wohnung nach Kündigung durch den Vermieter (30 %) oder im Verlauf des Prozesses von Räumungsklage (5 %) und Zwangsräumung (16 %) verloren. In 66 % der Fälle erfolgte die Zwangsräumung aufgrund von Mietschulden, in 7 % wegen Eigenbedarfs und in 27,0 % wegen anderer Probleme.

Ein erheblicher Teil der Betroffenen, knapp 30 %, zieht ohne Kündigung aus. Bei diesem sog.  „kalten“ Wohnungsverlust kommt es nicht zur Zwangsräumung, sondern die Mieter und Mieterinnen, vor allem Alleinstehende, „verlassen“ die Wohnung ohne Räumungsverfahren oder vor dem Zwangsräumungstermin. „Ein ausschließlicher Blick auf die Zwangsräumungszahlen würde Ausmaß und Qualität neu entstehender Wohnungslosigkeit verkennen, deswegen wird die Kategorie „ohne Kündigung ausgezogen“ in unserem Bericht zur Lebenslage der Hilfesuchenden regelmäßig erfasst“, erklärte Rosenke.

Viele versuchen sich ersteinmal ohne Hilfe durchzuschlagen

In dem BAG W-Bericht spiegelt sich auch wider: Viele Menschen, die ihre Wohnung verloren haben, versuchen zunächst mit eigenen Mitteln ihre Notlage zu beheben. Bevor sie die Einrichtungen und Dienste der freien Träger aufsuchten, lebten fast 50 % der akut Wohnungslosen bei Freunden, Bekannten und Familienangehörigen. Erst wenn solche „Zwischenlösungen“ nicht (mehr) funktionieren, landen die Betroffenen in ordnungsrechtlicher Unterbringung (12 %) oder auf der Straße (22 %).

„Für uns ist dies Hinweis darauf, dass die Hilfen für Menschen in Wohnungsnot noch präventiver und noch erreichbarer aufgestellt sein müssen, um vor dem Wohnungsverlust intervenieren und die beschriebene Abwärtsspirale verhindern zu können“, so Rosenke.

Auswirkungen der Corona-Pandemie

Seit Ausbruch der Pandemie macht die BAG W darauf aufmerksam, dass Menschen in Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit besonders hart betroffen sind. Anfang April d. J. veröffentlichte die BAG W ihre Forderung nach einen Zehn-Punkte-Sofort-Programm zur Unterstützung der Hilfesuchenden und der Hilfeeinrichtungen.

Rosenke: „Die während der Pandemie geforderte soziale Distanz, die notwendigen Hygienemaßnahme, der weitestgehende Rückzug in die eigenen vier Wände – diese Maßnahmen sind mit den Lebensumständen wohnungsloser Menschen nicht vereinbar. Unser aktuellster Bericht zur Lebenslage von Menschen in Wohnungsnot zeigt, dass auch zunehmend Familien wohnungslos werden und in beengten Mitwohnverhältnissen oder Einrichtungen der freiverbandlichen oder kommunalen Unterkünfte unterkommen müssen. Es lässt sich kaum ermessen, welche tiefgreifenden Auswirkungen und Verunsicherungen die Pandemie auf Menschen hat, die ganz ohne Unterkunft auf der Straße leben, die in Sammel- oder Gemeinschaftsunterkünften untergebracht sind, in prekären Mitwohnverhältnissen oder in sonstigen Dauerprovisorien leben. Unter den Bedingungen der Pandemie ist nochmals unmissverständlich deutlich geworden: Um die Lebenslage der Menschen in Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit nachhaltig zu verbessern, sind gut funktionierende Strukturen und Hilfen zur Verhinderung von Wohnungsverlusten und eine dauerhafte Sozialbindung von Wohnraum, um bezahlbaren Wohnraum für alle zu sichern, unabdingbar.“

Den vollständigen Jahresbericht finden Sie hier.