Wohnen ist Menschenrecht
Schlüssel
Wohnungslosigkeit bis 2030 überwinden
 Jahre
 Monate
 Tage
 Stunden

Perspektiven der Wohnungsnotfallhilfe – Entwicklungen und Impulse

Diese Ausgabe vereint Einblicke in aktuelle politische und fachliche Entwicklungen zu einem vielschichtigen Themenheft. Die Beiträge spiegeln zentrale Herausforderungen wider, vor denen die Wohnungsnotfallhilfen heute stehen: den professionellen Umgang mit Daten, die Auseinandersetzung mit aktuellen sozialpolitischen Entwicklungen, die Gestaltung inklusiver Zugänge und die Sicherung der fachlichen Qualität.

Stephan Nagel eröffnet die Ausgabe mit einem grundlegenden Beitrag zum Umgang mit Daten im Feld der Wohnungslosigkeit. Ausgehend von der Wohnungslosenstatistik des Bundes plädiert er für eine kritische, aber zugleich engagierte Nutzung statistischer Daten für die Lobbyarbeit. Er zeigt auf, welche Fallstricke bei der Interpretation von Daten drohen und wie eine fachlich seriöse Datennutzung zur Stärkung einer Politik gegen Wohnungslosigkeit beitragen kann.

Wolfgang Sartorius nimmt die aktuellen sozialpolitischen Entwicklungen kritisch in den Blick. Seine Anmerkungen zur geplanten „Neuen Grundsicherung“ und der Wiedereinführung von Totalsanktionen verdeutlichen eindrücklich, wohin ein „Salto rückwärts“ in der Sozialpolitik führen kann – im schlimmsten Fall zur behördlich verursachten Wohnungslosigkeit. Das Interview mit Udo Geiger, Sozialrichter a. D., zur Bürgergeld-Debatte vertieft diese Perspektive. Aus seinen Einschätzungen leitet sich der klare Auftrag an die Wohnungsnotfallhilfen ab, rechtstaatliches Handeln einzufordern und Ressentiment geleitenden politischen Diskursen entschieden
entgegenzutreten.

Einen besonderen Schwerpunkt bilden in dieser Ausgabe Beiträge die aus der BAG W-Bundestagung 2023 hervorgegangen sind und aktuelle Herausforderungen in den Wohnungsnotfallhilfen benennen. Hanna Kopahnke beleuchtet die intersektionalen Leerstellen in der Versorgung gewaltbetroffener Frauen und zeigt auf, dass die Schnittstelle von Wohnungslosigkeit und Gewaltbetroffenheit besondere Aufmerksamkeit erfordert. Die Istanbul-Konvention gibt hier wichtige Impulse. Naemi Eifler, Claudia Steckelberg und Christian Weitzel widmen sich der Situation von LSBTIQ+ Personen in der Wohnungsnotfallhilfe. Ihre Studie macht deutlich, dass queere Menschen vielfältigen Zugangshürden begegnen – von strukturellen Barrieren bis hin zu queerfeindlichen Erfahrungen in Einrichtungen. Die Autor*innen entwickeln konkrete Handlungsempfehlungen für eine inklusivere Praxis. Greta Schabram stellt die Frage nach digitaler Teilhabe in den Mittelpunkt. Ihre Analyse zeigt, dass Armut und digitale Ausgrenzung eng zusammenhängen und dass dies auch für die Wohnungsnotfallhilfen erhebliche Konsequenzen hat. Ohne Zugang zu digitalen Ressourcen droht eine weitere Exklusion und die Gefährdung der von gesellschaftlicher Teilhabe.

Aus der Praxis berichten mehrere Beiträge über innovative Ansätze: Marla Sigismund stellt das Präventionskonzept der Stadt Münster vor und zeigt, wie durch aufsuchende Arbeit und ein belastbares Frühwarnsystem Wohnungsverluste verhindert werden können. Michèle Andiel erläutert die Arbeitsweise Sozialer Wohnraumagenturen am Beispiel der Neuen Wohnraumhilfe Darmstadt. Bettina Rudat beschreibt, wie stationäre Hilfe flexibel und individuell gestaltet werden kann – ein wichtiger Beitrag zur Debatte um zeitgemäße Hilfeformen.

Zwei weitere Beiträge erweitern den Blick: Antonia Wienert untersucht die Zugänge wohnungsloser Menschen zur Hospiz- und Palliativversorgung und macht auf eine oft übersehene Versorgungslücke aufmerksam. Susanne Gerull und Juliane Laubichler greifen ein drängendes Problem auf: den Fachkräftemangel in den Wohnungsnotfallhilfen. Hierzu bereiten sie Ergebnisse eines Workshops mit Strategien für Recruiting und Fachkräftebindung auf.

Im Rechtsteil kommentiert Manfred Hammel ein wegweisendes Urteil des Sozialgerichts Lüneburg zur Weiterfinanzierung von Wohnraum während eines Aufenthalts in einer Mutter-Kind-Einrichtung. Die Entscheidung unterstreicht die Bedeutung vorbeugender Hilfen nach §§ 67 ff. SGB XII. Den Abschluss bildet eine BAG W-Empfehlung zu Familien im
Wohnungsnotfall, die die besonderen Bedarfe dieser Zielgruppe systematisch in den Blick nimmt.

Allen Autor*innen sei für ihre Beiträge herzlich gedankt. Ihnen, liebe Lesende, wünschen wir eine anregende Lektüre dieser facettenreichen Ausgabe und einen guten Start in das Jahr 2026.


Joachim Krauß
Redaktionsleitung wohnungslos